Kosovokrise: Hintergründe und Verlauf eines Konflikts


Kosovokrise: Hintergründe und Verlauf eines Konflikts
Kosovokrise: Hintergründe und Verlauf eines Konflikts
 
Das Kosovo ist eine Provinz der jugoslawischen Teilrepublik Serbien mit überwiegend albanischer Bevölkerung, die im Jahre 1968 einen Autonomiestatus bekam, der ihr (nach der Verfassungsänderung 1974) fast die gleichen Rechte gab wie einer jugoslawischen Teilrepublik. Anfang der achtziger Jahre forderten Kosovo-Albaner den Republikstatus, gegen Ende des Jahrzehnts kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen, und 1989 hob der serbische Präsident Milošević den Autonomiestatus der Provinz auf. 1998 brach nach vielen Zusammenstößen offener Krieg zwischen der jugoslawischen Armee und der Kosovo-Befreiungsarmee (UCK) aus. Nach gescheiterten Verhandlungen bombardierte die NATO ab Ende März 1999 wochenlang Serbien. Nach Kriegsende wurde mit der Rückführung der zu Hunderttausenden geflohenen Albaner begonnen, und die Provinz wurde in von NATO-Staaten und Russland betreute Sektoren aufgeteilt.
 
 Historischer Hintergrund
 
Das Kosovo gilt seit dem Mittelalter als serbisches Kernland. Mitte des 14. Jahrhunderts, als Serbien unter König Dušan (1331—1355; seit 1346 Kaiser) auf dem Höhepunkt seiner Macht stand, lag das kulturelle Zentrum in der Region um Pristina, doch bereits kurz nach Dušans Tod zerfiel das serbische Reich. Die Osmanen rückten auf dem Balkan vor, und am 28. 06. 1389 (dem Veitstag, serbisch »Vidovdan«) fand die Schlacht auf dem Amselfeld (Kosovo Polje) statt, in der die Serben vernichtend geschlagen wurden. Seit dieser Zeit ist das Kosovo für die Serben »heiliger Boden«, und viele Legenden ranken sich um jene Schlacht, unter anderem der Mythos, die Serben seien damals von den Bosniern verraten worden. Unter der osmanischen Herrschaft weigerten sich die Serben im Gegensatz zu den anderen Bewohnern der Region, ihren christlichen (orthodoxen) Glauben abzulegen und zum Islam überzutreten. Ab Ende des 17. Jahrhunderts, nachdem die Habsburger einen Teil des Balkans von den Türken zurückerobert hatten, verließen viele Serben das Kosovo, um auf habsburgischem Gebiet zu siedeln. Dadurch und durch das Nachrücken von Albanern aus dem Süden verschob sich langsam die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung, allerdings wurden erst nach dem Zweiten Weltkrieg unter der Herrschaft Titos die Albaner zur Mehrheitsbevölkerung im Kosovo. Mitte der neunziger Jahre stellten sie 90% der Gesamtbevölkerung von knapp zwei Millionen Menschen. Im Bewusstsein der Serben ist das Kosovo jedoch immer noch ihr Eigentum. Die Albaner dagegen haben ihren eigenen Mythos gefunden: Sie betrachten sich als Nachfahren der Illyrer, die im 7. Jahrhundert von den Slawen aus der Region verdrängt wurden. Aus diesen Zusammenhängen erklärt sich, warum im Kosovo in den vergangenen Jahrzehnten mit so großer Erbitterung gestritten wurde.
 
 Von der Autonomie zum Krieg
 
Die serbische Provinz Kosovo, die 1963 den Autonomiestatus, ihre heutige Bezeichnung 1968 erhalten hatte, geriet erst Anfang der achtziger Jahre ins Blickfeld der Weltöffentlichkeit. Damals wurde erstmals in großem Maße die Abspaltung von Serbien und der Status als eigenständige Teilrepublik Jugoslawiens gefordert. Neben Massendemonstrationen im Kosovo und Medienkampagnen im europäischen Ausland kam es zu gewalttätigen Zwischenfällen und zu erheblichen Spannungen zwischen Serben und Albanern im Kosovo. Diese Spannungen wurden von der serbischen Regierung zum Teil absichtlich geschürt, und im Jahre 1989 wurde unter der Präsidentschaft von Slobodan Milošević dem Kosovo der Autonomiestatus aberkannt. Die albanische Elite wurde systematisch durch Serben ersetzt, beispielsweise wurden 130 000 Albaner vorwiegend aus öffentlichen Einrichtungen entlassen, darunter allein 26 000 Lehrer. In Eigenregie bauten daraufhin die Albaner ein Schul- und sogar ein Universitätswesen in Privatwohnungen auf. 1991 gründeten die Kosovo-Albaner die von keinem Staat der Welt anerkannte »Republik Kosova« und wählten 1992 ein Parlament und einen Präsidenten, Ibrahim Rugova. Im gleichen Jahr wurde die Kosovo-Befreiungsarmee (UCK) gegründet. Seit Anfang der neunziger Jahre berichtet Amnesty International von regelmäßigen schweren Menschenrechtsverletzungen im Kosovo, vor allem Enteignungen, Vertreibungen und Folterungen. Die serbische Regierung betrieb mithilfe von Immobilienfinanzierungen, die teilweise sogar vom UNO-Hochkommissar für Flüchtlinge (UNHCR) bewilligt wurden, ein Umsiedlungsprogramm mit dem Ziel, wieder Serben (Flüchtlinge aus Kroatien und Bosnien-Herzegowina) im Kosovo anzusiedeln. Bis Ende der neunziger Jahre sind mehr als 500 000 Albaner aus dem Kosovo geflohen, das ist ein Viertel der Gesamtbevölkerung. 1995 unterzeichnete Slobodan Milošević in Dayton einen Friedensvertrag für Bosnien-Herzegowina und rehabilitierte sich damit international, so dass z. B. die Bundesrepublik Deutschland Kosovo-Flüchtlinge in ihre Heimat zurückschickte, obwohl sie dort weiterhin verfolgt wurden. Ab Februar 1996 probte die 30 000 Mann umfassende UCK den Aufstand gegen Serbien und Jugoslawien. Nach kurzer Zeit kontrollierte sie fast die Hälfte der Provinz, allerdings unterstand die Armee nicht der provisorischen Regierung Rugova, so dass nun ein völliges Chaos herrschte. Offiziell war das Kosovo eine serbische Provinz, inoffiziell ein selbständiger Staat, und faktisch war es den serbischen Armee- und Polizeieinheiten bzw. der Untergrundarmee UCK ausgeliefert. 1998 eskalierte der Kosovo-Konflikt vor allem durch eine serbische Großoffensive, in deren Verlauf Tausende von Zivilisten getötet bzw. vertrieben wurden. Trotz der offiziellen Beendigung der Großoffensive gingen die Kämpfe unvermindert weiter, und im September 1998 beschloss der Weltsicherheitsrat, mit Luftangriffen gegen serbische Militäreinrichtungen zu drohen; die NATO bereitete sich vor und war im Oktober bereit für eine solche Maßnahme. Noch im Oktober lenkte Milošević durch die Unterzeichnung eines Zehn-Punkte-Programms ein und akzeptierte die Entsendung von OSZE-Beobachtern in das Kosovo. Es sollten freie Wahlen zugelassen und eine lokale Polizei gebildet werden. Trotz des Waffenstillstands gingen die Kämpfe weiter, und die in die Berge geflüchteten Albaner wagten nicht, in ihre Dörfer zurückzukehren. Die Entdeckung eines Massakers an albanischen Zivilisten in dem Dorf Racak empörte im Januar 1999 die Weltöffentlichkeit. Ab Februar fand während mehrerer Wochen die Konferenz von Rambouillet bei Paris statt, deren Ziel die Einigung der Kosovo-Konfliktparteien war. Die albanische Abordnung unterzeichnete den Vertrag, die serbische Seite jedoch zögerte die Verhandlungen hinaus und verweigerte schließlich die Annahme des Abkommens, das unter anderem eine Entmilitarisierung und die Stationierung von UNO-Friedenstruppen im Kosovo vorsah. Am 19. 03. 1999 zog die OSZE 1 400 Beobachter aus dem Kosovo ab, und am 24. 03. 1999 erteilte NATO-Generalsekretär Xavier Solana den Einsatzbefehl: Die NATO führte nun einen Luftkrieg gegen Serbien.
 
 Der Kosovokrieg
 
An den Luftangriffen nahmen abgesehen von Island, Griechenland, Luxemburg und den neuen NATO-Mitgliedsstaaten Polen, Ungarn und Tschechien alle NATO-Länder teil, darunter auch die Bundesrepublik Deutschland. Ziel des Krieges war es nach NATO-Angaben, Serbien dazu zu bewegen, sich aus dem Kosovo zurückzuziehen bzw. das Land militärisch weitgehend handlungsunfähig zu machen (Montenegro, der zweite Bestandteil Restjugoslawiens wurde von den Angriffen weitgehend verschont, da die Republik aus NATO-Sicht im Kosovo-Konflikt eine positive Rolle spielte). Immer wieder wurde betont, der Krieg richte sich nicht gegen das serbische Volk, sondern ausschließlich gegen die Regierung Milošević. Zivile Opfer und Schäden konnten bei einer solch massiven Aktion nicht vermieden werden, und das Eingreifen der NATO wurde von Teilen der Öffentlichkeit heftig kritisiert. Die NATO führte zwar nach Aussage der beteiligten Regierungen einen »gerechten Krieg«, rein völkerrechtlich gesehen handelte es sich dabei jedoch um einen Angriffskrieg, da er weder zur individuellen oder kollektiven Selbstverteidigung noch als vom UN-Sicherheitsrat beschlossene Sanktionsmaßnahme geführt wurde (UN-Resolution 3314 vom 14. 12. 1974). Am 10. 06. 1999 stellte die NATO die Luftangriffe ein, nachdem der Abzug der jugoslawischen Truppen begonnen hatte. Gemäß dem G8-Friedensplan wurde im Kosovo eine KFOR genannte UN-Friedenstruppe stationiert und die Provinz (weiterhin Bestandteil Serbiens) in Sektoren aufgeteilt, und zwar unter der Führung von Frankreich, Italien, Großbritannien, USA und Deutschland. In letzter Minute, als der Krieg schon vorbei war, landeten am Krieg nicht beteiligte russische Truppen im Kosovo und sicherten sich eine eigene Einflusssphäre.
 
 Nach dem Krieg — Rückkehr der Flüchtlinge und Wiederaufbau
 
Sofort nach Beendigung der Luftangriffe begannen die ersten Kosovo-Albaner aus den Flüchtlingslagern in Makedonien in ihre Heimat zurückzukehren. Auch ein Teil der in anderen Ländern untergebrachten Albaner machte sich schon einige Tage nach Kriegsende auf den Heimweg. Die Serben zogen sich aus dem Kosovo zurück, die KFOR übernahm die Verwaltung der Provinz und begann mit der im Friedensvertrag festgelegten Entwaffnung der UCK. Sowohl beim Abzug der Serben als auch bei der Entwaffnung der Albaner kam es zu zahlreichen gewaltsamen Zwischenfällen. Ein großes Problem stellen Racheaktionen der albanischen Bevölkerung gegen die Serben dar. Opfer sind auch die von den Albanern der Mithilfe beschuldigten Sinti und Roma. Das angestrebte künftige Zusammenleben von Serben und Albanern im Kosovo wird sich voraussichtlich sehr problematisch gestalten, zumal immer mehr Massengräber der von Serben getöteten Albaner aufgedeckt werden. Von einer Unabhängigkeit des Kosovo ist derzeit nicht die Rede. Inzwischen hat auch der Wiederaufbau in Serbien und im Kosovo begonnen. Allein aus deutschen Bundesmitteln wurden für Flüchtlingsunterbringung und -betreuung bislang 140 Millionen D-Mark zur Verfügung gestellt. Die EU-Kommission brachte 150 Millionen Euro auf. Insgesamt belaufen sich die von EU-Staaten bereitgestellten Hilfsgelder auf fast 700 Millionen Euro (1,4 Milliarden DM). Die Mittel werden vor allem im Kosovo, in Albanien, Montenegro und Makedonien, aber auch in Rumänien und Bulgarien eingesetzt, wo vielen Flüchtlingen Unterkunft gewährt wurde.
 
 
Herbert Büschenfeld: Kosovo. Nationalitätenkonflikt im Armenhaus Europas. Köln 1991.
 
Der Kosovo- Krieg. Fakten - Hintergründe - Alternativen, herausgegeben von Ulrich Albrecht und Paul Schäfer. Köln 1999.
 Malte Olschewski: Der Krieg um den Kosovo. Serbiens neue Schlacht am Amselfeld. Bad Vilbel 1999.
 Wolfgang Petritsch u. a.: Kosovo, Kosova. Mythen, Daten, Fakten. Klagenfurt 1999.
 Matthias Rüb: Kosovo. Ursachen und Folgen eines Krieges in Europa. München 1999.
 
Krieg im Kosovo, herausgegeben von Thomas Schmid. Reinbek 1999.
 Paul J. J. Welfens: Der Kosovo-Krieg und die Zukunft Europas. München 1999.
 
Der Kosovo-Krieg. Rechtliche und rechtsethische Aspekte, herausgegeben von Dieter S. Lutz. Baden-Baden 2000.
 Matthias Küntzel: Der Weg in den Krieg. Deutschland, die NATO und das Kosovo. Berlin 2000.
 Heinz Loquai: Der Kosovo-Konflikt. Wege in einen vermeidbaren Krieg. Baden-Baden 2000.

Universal-Lexikon. 2012.


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